Die Seele Bordeaux

Posted on
Bordeaux Wein

Der Name der Stadt an der Gironde steht als Synonym für weltbekannte und Weltklasse Weine, und dies seit Jahrhunderten. Doch gibt es nicht den Bordeaux oder einen einheitlichen Charakter der Rebsäfte dieses Anbaugebietes; stattdessen vinifizieren eine Vielzahl von Châteaus und Appellationen mit Hilfe verschiedenster Rebsorten ganz unterschiedliche Weine, die sich stark unterscheiden. Gerade die Inhomogenität macht Bordeaux spannend, aber manchmal auch etwas unübersichtlich.

Mit diesem Blogbeitrag wollen wir versuchen, Ihnen die einzelnen Appellationen näher zu bringen und zu vermitteln, was diese eigentlich ausmacht. Haben sie einen gemeinsamen Nenner, was zeichnet sie aus, ja kann man vielleicht sogar von einer Seele der einzelnen Anbaugebiete sprechen? Mit diesem Artikel werfen wir unseren Hut in den Ring, wie immer, um Diskussions-Stoff zu liefern und sich daran zu reiben. Ein Anspruch auf Vollständigkeit hat dieser Bericht jedoch nicht, sondern soll einen ersten, groben Überblick liefern.

Das Rechte und das Linke Ufer des Bordeaux

Haben Sie Erfahrungen mit den verschiedenen Appellationen gemacht und sind Fan der einen Region und mögen die andere nicht? Zum Beispiel verliebt in Pomerol, und als junger Weinliebhaber von einer wilden Flasche Margaux zurückgewiesen worden? Teilen Sie uns dies mit, wir diskutieren gerne!

Die Region Bordeaux teilt sich in zwei große Bereiche auf, nämlich links der Gironde (das Médoc) und rechts des Flusses, dort mit den zwei renommierten Appellationen St-Émilion und Pomerol. Während das linke Ufer vom Cabernet Sauvignon dominiert ist, herrscht rechts der Merlot vor.

Wir beginnen unsere Reise im Norden des Médoc, in der Appellation St-Estèphe

Die Güter in St-Estèphe standen lange Zeit im Schatten ihrer namhaften Vettern im südlichen Médoc, vielleicht auch aufgrund ihrer etwas abgelegeneren Lage. Inzwischen haben sie aufgeholt, leider aber auch bei den Preisen. St-Estèphe Weinen sagt man nach, dass sie recht maskulin, ja zu weilen hart und tanninlastig seien. Das mag in schlechten Jahren gelegentlich der Fall sein.
Richtig ist aber auch, dass sie mitunter nicht ganz so duftig, aber umso tiefer und geschmacksintensiver als ihre Nachbarn sind, wobei die Sekundäraromen ganz besonders imponieren. Leder, Waldboden, Bleistift, aber auch die Frucht des Merlots, der hier mehr als anderswo im Médoc eingesetzt wird, bilden das Rückgrat eines guten St-Estèphe.
Diese Weine können ein ehrwürdiges Alter erreichen und profitieren in aller Regel davon. Sie werden mit zunehmender Reife charmanter und haben eine eingeschworene Anhängerschaft. Als Einstieg in die Bordeaux-Welt eignen sie sich aufgrund ihres manchmal und vor allem in jungen Jahren introvertierten Stils eher nicht.

Unsere Reise führt uns nun etwas weiter nach Süden, nach Pauillac

Diese Appellation, benannt nach dem pitoresken Städtchen an der Gironde, stellt ohne Zweifel die prominenteste Region Bordeaux dar, stammen doch die Güter Lafite, Latour, Mouton-Rothschild oder auch die beiden „adligen“ Baron und Comtesse Pichon Longueville von hier.

Pauillac-Weine sind genau das, was Bordeaux-Freunde erwarten: Frucht, Rückgrat, gut eingebundenes Holz, Mehr-Dimensionalität, Subtilität, etwas Süße und vor allem Kraft, Fett und Saft. Dass diese Weine, ebenfalls wie die nördlichen Nachbarn aus St-Estèphe, Marathonläufer sind und von mindestens 10-15 Jahren Lagerzeit profitieren, braucht man kaum erwähnen. Diese Weine sind die archetypischen Bordeauxs vom linken Ufer, voller Eleganz, die ihnen vom Cabernet Sauvignon verliehen wird.

Wir kommen nun in St-Julien an

Perfektes Weinland, mit herausragend guten Böden, in der Mitte der berühmten Appellationen des Médoc gelegen. Und diese Lage symbolisiert den Charakter der St-Julien Weine sehr gut. Sie sind die diplomatischen Vertreter dieser Halbinsel, eine perfekte Symbiose aus den eher maskulinen Pauillacs und den Finessen-Elixieren aus Margaux. St-Julien produziert zuverlässig überzeugende Weine, die – bei voller Ausreifung – eine sagenhafte Balance aus sanftem Charme und vollendeter Tiefgründigkeit darstellen. Ein gut gelagerter Leoville las Cases oder Leoville Barton, aus einem feinem Jahrgang, ist ein Erlebnis, welches sich jeder Weinkenner gönnen sollte. Die Preise für diese Trouvaillen sind dennoch immer noch einigermaßen moderat geblieben, und bieten einen Genuß, der sich hinter den Premiere Crus nicht verstecken muss.

Unser Médoc-Express endet in Margaux, last, aber keinesfalls least

Der Frauenvorname dieser Region soll zugleich Programm für den femininen Ausdruck der Weine sein. Stimmt das? Ja, manchmal, ist aber eigentlich zu kurz gesprungen. Auch Margaux-Weine haben durchaus Kraft und Tanninstruktur. In den besten Fällen und Jahrgängen wird dieses allerdings ergänzt durch ein Parfüm, eine Duftigkeit und eine Frucht, die die Rebsäfte der anderen Appellationen so nicht kennen und können. Margaux enttäuschte in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts und war lange nicht auf dem Niveau, dass man erwarten durfte. Doch seit den 1990er Jahren hat sich das Blatt gewendet. Inzwischen gibt es hier auch Mikro-Châteaus und junge Winzer, die, trotz teilweiser und sehr lobenswerter Bio-Attitüde, den alten und feinen Charakter Margauxs wiederbelebt haben und neben den bekannten Playern exzellente Weine herstellen, die nur einen Bruchteil des Preises der großen Namen kosten. Und über allem schwebt das große „M“, Château Margaux selbst, unerreicht elegant, fein und majestätisch.

Wir überqueren nun den Fluss und wechseln zum rechten Ufer der Gironde, den Appellationen St-Èmilion und Pomerol

Wir haben dabei einige Appellationen übersprungen, dürfen aber auf unsere anderweitigen Blogberichte, die sich mit diesen Regionen beschäftigen, verweisen.

Pomerol ist eine Appellation, die man vor etwa 50 Jahren eher als bäuerliche Weinregion mit ordentlichen, aber nicht unbedingt spektakulären Rotweinen assoziiert hätte. Ebenso sieht die Gegend selbst aus: Imposante Châteaus, wie am linke Ufer? Fehlanzeige, nur unendliche Weinlandschaften aus Reben.
Das ist heute freilich im Bezug auf die Produkt-Landschaft anders; neben so illustren, wie sagenhaft teuren Weinen wie Petrus oder Le Pin gibt es hier, im Merlot-Land, alles, was das Genießerherz begehrt.
Aufgrund ihres hohen, oftmals sogar 100% Merlot-Anteils gelten die Weine Pomerols als zugänglicher und schneller trinkreif als die Kollegen aus dem Médoc. Dennoch fehlt es ihnen nicht an Tiefe oder Charakter. Auch stehen viele dieser Rebsäfte den Vertretern des linken Ufers nichts an Lagerfähigkeit nach. Volle, opulente und fleischige Pomerols sind das Ergebnis eines kometenhaften Aufstiegs dieser Appellation.

St-Émilion ist die große Schwester Pomerols. Steile Hänge mit Rebgärten, die sich an das historische Städtchen gleichen Namens anschmiegen, entsprechen viel mehr jedem Klischee von Rebland, als alle anderen Appellationen Bordeaux. Hier regiert der Merlot mit seinem kongenialen Partner, dem Cabernet Franc. Cabernet Sauvignon ist hier so beliebt wie ein Schalker in einem schwarz-gelben Stadion. Ein guter St-Émilion ist ein Champion, der mit Saft, Frucht und einer gewissen Samtigkeit überzeugt. Diese Weine sind gefällig und begeistern auch den Bordeaux-Einsteiger durch ihre Zugänglichkeit. Dabei ist es gar nicht so einfach, eine einheitliche Linie der St-Émilion-Weine auszumachen; zu unterschiedlich sind die faszinierenden Ansätze der Winzer, die diese Region prägen.

Damit ist unser virtueller Trip durch den Bordeaux-Cosmos beendet. Wir haben viele unterschiedliche Sterne kennengelernt, die die Galaxien dieses Universums bilden. Daher tauschen wir nun das Fernglas gegen das Weinglas und gehen auf Erkundungstour.

Bordeaux-Weine aus jeder Milchstraße finden Sie hier.

0 Comments
Leave a comment

Your email address will not be published.