Die Reblaus – mit dem Dampfschiff nach Europa

Posted on

Im Sommer des Jahres 1865 starben in Frankreich erstmals großflächig Weinstöcke ab. Rasant war dies – wenige Monate später – auch in weiteren Weinbauregionen Europas der Fall. Die Weinstöcke selbst waren vertrocknet, die Blätter erschlafft und nur noch wenige winzige Trauben fristeten ein trauriges Dasein. Die Reben selbst, eigentlich metertief im Erdboden verwurzelt, ließen sich einfach mit der Hand herausziehen. Doch was war passiert?

Die Reblaus – mit dem Dampfschiff nach Europa

Europa hatte Besuch von der Reblaus bekommen. Genauer gesagt: Der Wurzelreblaus. Doch wie war es dazu gekommen? Die Wurzelreblaus war nichts Neues. Sie existierte vorher bereits in Amerika, war jedoch mit den neu erfundenen Dampfschiffen nach Europa eingeschleppt worden. Diese waren erst kürzlich im Linienverkehr eingesetzt worden und schafften es, binnen 10 Tagen, den großen Ozean zwischen den Kontinenten zu überqueren.

Außerdem war es en vogue, Botanik zu betreiben, Pflanzen mitzubringen und amerikanische Reben einzuführen, von denen man sich zwar keine besonders gute Qualität, jedoch einen hohen Ertrag versprach. Hierzu wurden neue Transportbehältnisse, beispielsweise Glasballons, verwendet, die eine Biosphäre für die Pflanzen während der Überfahrt schafften. Hierin reisten allerdings nicht nur die Pflanzen sehr bequem. Die Reblaus freute sich ebenfalls über die exquisiten Reisebedingungen in ihrer „Business Class“.

Man muss wissen, dass die Reblaus, ähnlich der Loriot’schen Steinlaus, ein gefräßiges kleines Kerlchen ist. Und das ist noch deutlich untertrieben. Eine Reblaus kann durch ihre Eier Millionen von Nachkommen hervorbringen, teils mit Flügeln, die immer neue Territorien erobern. Es gibt kaum einen aggressiveren und fruchtbareren Schädling mit einer derartig zerstörerischen Kraft. Sie injiziert ihren Speichel in die Wurzeln der Rebstöcke, was zum Absterben der Wurzel und schließlich des gesamten Stockes selbst führt. Dieser Prozess kann unter Umständen zu einem jahrelangen Todeskampf der Rebe führen.

Reblaus
Die Reblaus (Phylloxera Vastatrix) – ein kleines gefräßiges Kerlchen.

Es war, als wäre der „Krieg der Welten“ entbrannt. Doch wie reagierte die alte Welt hierauf? Am besten erstmal gar nicht.

Ob es nun Trägheit oder eine gewisse Überheblichkeit war, die dazu führte nicht rechtzeitig Gegenmaßnahmen zu treffen, dürfte im Nachhinein nicht mehr auszumachen sein. Fest steht allerdings, dass die Lage völlig falsch eingeschätzt wurde. So waren 1869 Bordeaux, 1872 Portugal, Österreich und die Schweiz, 1874 Spanien und Deutschland und 1879 schließlich Italien von der Reblaus erobert worden.

Erst 1872 wurde ein kleines Preisgeld ausgesetzt, für denjenigen, der ein wirksames Mittel gegen die Reblaus, auch Phylloxera Vastatrix genannt, finden würde. Doch bis auf abstruse Ideen, wie die vollständige Flutung der Weinberge mit Wasser oder dem Vorschlag, unter jedem Weinstock eine tote Kröte zum Fernhalten der Reblaus von der Wurzel zu vergraben, kam nichts Produktives bei der Suche nach dem Gegenmittel heraus.

Dann nahm sich die Wissenschaft des Problems an. 1868 hatte der Wissenschaftler Jules-Émile Planchon überhaupt erst die Ursache des Rebensterbes entdeckt. Er war es auch, der ermittelt hatte, dass diese aus Amerika stammte und daher die Wurzel des Übels gleichsam am besten mit einer Lösung aus Amerika zu bekämpfen war. Es sollten also am besten amerikanische Reben importiert werden, die resistent gegen die Reblaus waren. Doch hiergegen entfachte sich ein Sturm der Entrüstung: Amerikanische Reben und deren Wein galten als Massenware, billig und dumpf im Geschmack. Es begann ein Glaubenskrieg, amerikanische Reben gegen Französische – neue gegen alte Welt.

Dem setzte Leo Laliman ein Ende. Besitzer des Weingutes „La Touratte“ in Bordeaux und immer experimentierfreudig, kam er auf den Gedanken, Reben zu pfropfen. Diese Methode stellte er 1869 vor, und sie setzte sich nach und nach durch. Auch Planchon stimmte dem zu und sah in dieser Methode – resistente Wurzeln aus Amerika unten, französische Reben, mit ihren traditionellen Aromen und Sortentypizitäten oben – den besten Ausweg aus der fast hoffnungslosen Lage.

In der Summe hatte Frankreich nach der Reblauskrise 75% seiner Weinproduktion verloren und man schätzt, dass etwa 2/3 der europäischen Weinberge zerstört worden waren. Viele ehemalige Weinbauern hatten ihren Beruf aufgegeben oder bauten auf den besten Terroirs Rüben an.

Doch was ist das Pfropfen?

Pfropfrebe
Pfropfrebe: Dabei entsteht eine künstliche Verbindung von zwei Holzteilen verschiedener Rebsorten.

Es handelt sich um eine Jahrhunderte alte Tradition, die insbesondere von Zier- und Obstbäumen bekannt ist. Bei Weinreben ist die Technik des Pfropfens jedoch deutlich anspruchsvoller. Grob gesagt wird beim Pfropfen der sogenannte Edelreis, also das europäische, obere Teil, welches die Trauben trägt, auf eine amerikanische Wurzel gesetzt. Die Ober- und Unterteile der Rebe werden so geschnitten, dass diese – ähnlich Puzzlestücken – ineinandergreifen.

Das Pfropfen, auch Veredelung genannt, kann zwar auch im Weinberg erfolgen, wo der Edelreis auf die bereits im Boden befindliche Wurzel gesetzt wird. Häufiger ist jedoch der sogenannte „Omega-Schnitt“, der bei speziellen Betrieben durchgeführt wird, als sog. „Tischveredelung“ (also drinnen, „am Tisch“, im Gegensatz zu draußen). Hierbei müssen die jeweiligen Teile der Rebe kühl gelagert werden, es wird strikt auf die Luftfeuchtigkeit geachtet und die Pflanzen werden häufig desinfiziert. Nach dem Zusammenfügen werden die Reben in Dämme auf Mulchfolie gesteckt und letztlich ausgeschult.

Heute dürfen bei Neuanpflanzungen keine europäischen Wurzeln mehr verwendet werden. Dieses ist gesetzlich in der EU nicht zugelassen.

0 Comments
Leave a comment

Your email address will not be published.